Kunstwiesen, Dauerwiesen und Weiden nach der Dürre
Am 25. August 2026 haben acht Gruppen der Höheren Fachschule Agrotechnik acht Milchviehbetriebe im Mittelland besucht und 21 Grünlandbestände aufgenommen — wenige Tage nach dem ersten richtigen Regen seit Wochen. Auch ohne genaue Pflanzenkenntnisse wurde offensichtlich: Die vorgefundene Wuchshöhe sagt fast nichts darüber aus, wie schwer eine Fläche gelitten hat.

Bei 5 Zentimetern lagen der beste und der schlechteste Bestand
In Messen SO steht eine rund 60-jährige Kurzrasenweide mit drei Koppeln, auf der 44 Kühe laufen. Am Stichtag: 5 cm Wuchshöhe, 4 % Lücken, Narbe dicht, 60 % Gräser und 35 % Leguminosen. Die zweite Weide dort: 4 cm, 5 % Lücken.
Auf den Umtriebs- und Dauerweiden der anderen Betriebe wurden bei praktisch derselben Wuchshöhe 15, 40 und 50 % Lücken gemessen. Gleiche Höhe, völlig anderer Bestand.




Der Unterschied ist nicht der Zentimeter, sondern seine Ursache. Bei der Kurzrasenweide sind 4 bis 6 cm der Zielwert des Systems: Die Pflanze ist darauf eingestellt, die Narbe entsprechend dicht, und der Weidedruck ändert sich in der Dürre nicht sprunghaft. Auf den Umtriebsweiden traf der Ausfall des Zuwachses dagegen auf einen meist unveränderten Umtrieb — die Pflanzen haben sich ab einem gewissen Punkt der Dürre nach der Beweidung nicht mehr erholen können. Dieselben 5 cm waren dort das Ergebnis von Übernutzung.
Dazu kommt die Zusammensetzung. Beide Kurzrasenweiden hatten 35 bis 40 % Leguminosen, im Wesentlichen Weissklee. Die schwer geschädigten Weiden lagen bei 5 bis 15 % Leguminosen und 20 bis 75 % Kräutern — auf einer Dauerweide bei Willisau füllte der Löwenzahn die Lücken, welche die Trockenheit gerissen hatte.
Wer die Dürrewirkung beurteilen will, schaut auf Lückenanteil, Narbendichte und Leguminosenanteil — nicht auf den Meterstab allein.
Übernutzte Naturweide und Mattenklee-Gras, nebeneinander
Auf einem Betrieb in Bleienbach BE lagen beide Fälle am selben Tag auf demselben sandigen, flachgründigen Boden.


Gleiche Witterung, gleicher Betriebsleiter, gleicher Niederschlag — und ein Unterschied von zwei Noten auf der Sechserskala. Über alle Betriebe hinweg zeigt sich dasselbe Muster:
| Standort · Fläche | Normjahr | 2026 | Differenz |
|---|---|---|---|
| St. Urban LU · Naturwiesen | 90 dt TS/ha | 60 dt TS/ha | −33 % |
| St. Urban LU · Kunstwiesen | 125 dt TS/ha | 105 dt TS/ha | −16 % |
| Bleienbach BE · Grasflächen gesamt | 122 dt TS/ha | ca. 80 dt TS/ha | −34 % |
| Niederösch BE · Grasflächen | 130 dt TS/ha | 100 dt TS/ha | −23 % |
| Langenthal BE · Grünland gesamt | 100 dt TS/ha | 80 dt TS/ha | −20 % |
| Messen SO · Weiden | 95 dt TS/ha | 80 dt TS/ha | −16 % |
| Messen SO · Schnittwiesen | 109 dt TS/ha | 92 dt TS/ha | −16 % |
| Hofstatt LU · Grünland gesamt | 115 dt TS/ha | 100 dt TS/ha | −13 % |
Naturwiesen verloren rund einen Drittel, Kunstwiesen mit hohem Kleeanteil rund einen Sechstel. Der Betrieb in St. Urban liefert beide Zahlen unter derselben Führung.
Ein Gegenbeispiel gehört allerdings dazu: die Kunstwiese in Messen, im Vorjahr angesät, hatte zwar 30 cm Masse und 75 % Leguminosen — aber eine nur mässig dichte Narbe und 7 % Lücken, mehr als die 60-jährigen Weiden daneben.

Alter und Rasenbildner schlagen die frische Ansaat. Das rückt Übersaat-Empfehlungen nach einem Dürrejahr in ein anderes Licht — und es deckt sich mit der Einschätzung mehrerer Betriebsleiter, die mit Übersaaten bis nächsten Frühling zuwarten wollen, um die Erholung zuerst zu beobachten.
Was zehn Jahre Weidejournal dazu sagen
Auf dem Waldhof wird seit 2017 jede Woche erhoben: Wuchshöhe, Weidefläche, Tankmilch, Stallfütterung, Niederschlag. 350 Wochenerhebungen. Damit lässt sich 2026 nicht nur beschreiben, sondern gegen neun Vorjahre rechnen — und das Ergebnis ist nicht das erwartete.
Von Weidebeginn bis Mitte Juli fielen 190 mm Niederschlag statt 407 mm im Mittel der Vorjahre, also 53 % weniger. Die kumulierte Weideleistung im selben Zeitraum: 10 904 statt 10 663 kg ECM je Hektare — 2 % über dem Zehnjahresmittel.

Von Kalenderwoche 18 bis 26 belegte 2026 in jeder einzelnen Woche Rang 2 oder 3 von zehn Jahren, im Schnitt 22 % über dem Median. Das Jahresmaximum wurde dabei nie erreicht — aber die Weide lief neun Wochen lang im Spitzenfeld.
Dann kippte es innert drei Wochen: 92, 44, 36, 33 kg ECM/ha. Vom zweitbesten auf den letzten Rang aller zehn Jahre.

Der Futterverzehr macht es anschaulich. Elf Wochen lang, von Mitte April bis Ende Juni, nahmen die Kühe zwischen 16 und 19 kg TM pro Tag von der Weide auf — sieben dieser elf Wochen fielen ganz ohne Niederschlag aus. Am 21. Juni, nach mehreren regenlosen Wochen, bei 5 cm Wuchshöhe auf 7.7 Hektaren für 35 Kühe: immer noch 17.0 kg TM je Kuh und Tag, 94 % des Energiebedarfs ab Weide. Erst ab Anfang Juli ging es auf 9.5 kg zurück, es musste rund 50% des Bedarfs im Stall zugefüttert werden.
Der frühe Vegetationsstart und der Bodenwasservorrat trugen die Weide also bis Ende Juni durch. Danach war nichts mehr nachzuliefern — und zwar sehr plötzlich.
Der Zeitpunkt des Ausstiegs
Das ist die praktische Konsequenz aus allen acht Porträts. Wo der Weidegang früh eingestellt wurde — bei zwei Betrieben schon im Juni — war Ende August wieder Wachstum da, und die Bestände erholten sich nach dem ersten Regen sichtbar. Wo bei ausbleibendem Zuwachs weitergeweidet wurde, standen 40 bis 50 % Lücken.
Ein Betriebsleiter auf die Frage, was er beim nächsten Mal anders machen würde:
Ich würde noch früher mit dem Weiden aufhören und mit der Stallfütterung beginnen, damit die Bestände nicht so stark durch die Beweidung leiden und die Tiere die Leistung besser halten können.
Die Kurzrasenweide in Messen war die Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Die Pflanzenbestände haben die Dürre sehr gut überstanden und am 25. August schon wieder voll “im Schuss”. Die Beobachtungen auf dem Waldhof bestätigen dieses Bild.
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25. August 2026, 09:08 Uhr: geschlossene Narbe bis an den Zaun, Herde verteilt, keine Geilstellen — am selben Morgen, an dem die Südhang-Parzelle in Untersteckholz noch dürr dalag.
Zum Mitnehmen
- Wuchshöhe ist kein Schadensmass. Bei 4 bis 6 cm lagen der beste und der schlechteste Bestand der Erhebung. Beurteilen Sie Lückenanteil, Narbendichte und Leguminosenanteil.
- Die alte Narbe ist das Kapital. 60-jährige Kurzrasenweiden hielten besser durch als eine im Vorjahr angesäte Kunstwiese auf demselben Betrieb.
- Mattenklee-Gras federt ab, ersetzt die Weide aber nicht. Rund 16 % Verlust statt 33 — trotzdem musste jeder Betrieb zufüttern oder zukaufen.
- Der Zeitpunkt des Ausstiegs entscheidet mehr als das System. Der Weidedruck muss rechtzeitig reduziert oder ganz weggenommen werden.
Datengrundlage und Bildnachweise
Bestandesaufnahmen und Betriebszahlen: acht Gruppenberichte «Dürreporträt 2026» der Höheren Fachschule Agrotechnik, Feldarbeit vom 25./26. August 2026 auf sieben Milchviehbetrieben in Willisau LU, Hofstatt LU, St. Urban LU, Untersteckholz BE, Bleienbach BE, Niederösch BE, Langenthal BE und Messen SO. Die Betriebe sind auf Wunsch nicht namentlich genannt. Zehnjahresdaten: wöchentlich geführtes Weidejournal eines Milchviehbetriebs, 2017–2026, Auswertung als kg ECM je Hektare. Witterung: MeteoSchweiz, Messstation Wynau — die Sommermonate lagen 3.2 bis 3.5 °C über der Norm 1991–2020, im Juli fielen rund 33 % der üblichen Regenmenge.
Bilder (Vorname aus Datenschutzgründen als Initiale): Kurzrasenweiden und Kunstwiese Messen SO — Zahnd J.; Bestände Bleienbach BE — Bohren M.; Südhang-Parzelle Untersteckholz BE — Bovey K.; Video und Standbild — Zbinden M.
Die TM-Aufnahme im letzten Diagramm ist eine Ableitung aus der Energiebilanz des Weidejournals ((Milchleistung + Erhaltung) × Weideanteil ÷ Anzahl Kühe ÷ 6.3 MJ NEL/kg TM), keine Messung. Bei einzelnen Aufnahmen summieren sich die Ertragsanteile von Gräsern, Leguminosen und Kräutern nicht auf 100 % — die Werte sind unverändert aus den Berichten übernommen.